Die Mühle

Mühlen, das bezweifelt heute niemand mehr, sind die ältesten Maschinen der Welt. Für die Behauptung, Kreuzfahrer hätten die Kenntnisse über die Windmaschinen nach Europa gebracht, gibt es heute keinen Beweis. Im 7.Jahrhundert sollen sich in Persien schon Mühlenflügel gedreht haben. Um 1105 wurden die ersten Wind- und Wassermühlen in Frankreich erwähnt. Die Bockwindmühle ist bei uns die älteste Form der Einrichtungen dieser Art. Man nennt sie auch Ständer- oder Kastenmühle, später sogar „Deutsche Mühle“.

Eine neue Entwicklungsstufe im Mühlenbau setzte etwa ab 1650 ein, als unsere Nachbarn in den Niederlanden begannen, sich in wissenschaftlicher Weise mit den Elementen Wind und Wasser auseinanderzusetzen. Es kam zum Bau der sogenannten Holländer-Mühle, auch Kappen- oder Turmwindmühle genannt. Hier gab es dann bald Typen der verschiedensten Art: Wall-Holländer, Erd-Holländer, Galerie-Holländer. Die erwähnte Kappe mit dem Flügelkranz und dem Wellenkopf wurde mit einem Steert von der Galerie oder vom Erdboden aus in den Wind gedreht. Als dritte Mühlenkategorie sollte die Koker- oder Wippmühle nicht übersehen werden. Sie diente als Wasserschöpfmühle, in Einzelfällen aber auch als Mahlmühle. Der Name Kokermühle wird von der Aussprache des Wortes Köcher abgeleitet.

Die Wassermühlen sollten nicht unerwähnt bleiben. Auch sie gelangten aus dem Mittelmeerraum nach Nordeuropa. Die Erfindung der Wassermühle führt zurück bis zur Zeitenwende. Bei uns im norddeutschen Raum wurden die Wassermühlen erstmals im 9. Jahrhundert erwähnt.

Die Lienersche Mühle war eine Genossenschaftsmühle von mehreren Zellern und Eignern aus Liener und Auen-Holthaus. Im Jahre 1872 war die Mühle von dem Mühlenbauer Dierkes aus Hüven in einer großzügigen, stabilen Bauart errichtet worden. Der Zeller Heinrich Schewe aus Auen und der Tischlermeister und Eigner Heinrich Janzen aus Liener waren lange Zeit Vorsteher der Genossenschaft.

Es handelte sich bei dieser Windmühle um einen sogenannten Erd-Holländer mit Durchfahrt. Mit der Mühle war ein Sägewerk verbunden. Beides wurde vom Wind angetrieben. Die Lienersche Mühle war die größte in der näheren Umgebung. Sie verfügte über einen Mehlgang, einen Schrotgang und eine Graupenmühle. Das größte Paar Steine hat einen Durchmesser von 1,65 m. Der Stein für den Graupenmahlgang ist nicht mit einem Metallring umschlossen, da Graupen außen gemahlen werden müssen. So passierte es einem Müller, daß beim Umstellen von einem Mahlgang in einen anderen etwas vom Stein zum Graupenmahlen wegbrach und durch die Mühlenwand nach draußen geschleudert wurde.

Reparaturen an der Mühle wurden anfangs vom Mühlenbauer Abeln aus Wieste und später vom Mühlenbauer Abeln aus Duderstadt bei Löningen vorgenommen. Über die Arbeit der Mühlenbauer sagte Frau Marie Hermeling: „Lütken Spoon un’n grooten Lohn.“
 

Von Zeit zu Zeit mußten die Mahlsteine geschärft werden. Dieses nahm ein bis eineinhalb Tage in Anspruch.

Die schweren Kornsäcke wurden mit Windkraft nach oben gezogen. Bei schwachem Wind stotterte der Aufzug langsam nach oben. War Windflaute, was ja etwa an 30 Tagen im Jahr der Fall war, dann ruhte der Mühlenberieb.

Zeitweise waren bei der Lienerschen Mühle ein Sägemüller, ein Schwarzbrotbäcker und ein Müller beschäftigt. Die Kundschaft der Mühle kam aus Auen-Holthaus, Liener und Lindern. Von einem Vierup Mehl erhielt der Müller einen Matten (Meßbecher, auch Zollnapp genannt, der alle zwei Jahre vom Amt Löningen geeicht wurde). ZweiMatten erhielt er für das Feinmahlen von Weizen.

Der erste Müller der Genossenschaftsmühle war Heinrich Thoben aus Liener. Schwarzbrotbäcker war zu jener Zeit Bernhard Moormann aus Holthaus. Ende des vorigen Jahrhunderts hatte Hermann Moormann aus Auen die Mühle gepachtet. Pachtunterlagen der 1871 verpachteten Lahner Mühle hatte man sich ausgeliehen. Auch die Tochter des Pächters, Maria Moormann, war mehrere Jahre als Müllerin tätig. Die Bilanz der Genossenschaftsmühle schloß im Jahre 1894 mit Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 13727 RM ab.

Der Müller Johann Wilhelm Hermeling, geb. 1876, erwarb zum 01.01.1906 durch den Auktionator Wesselmann aus Molbergen die Genossenschaftsmühle in Liener für 4000 Taler oder 12000 RM. Am 01.05.1906 nahm er dort die Arbeit auf. Bis zu seinem 27. Lebensjahr hatte er in der Pfahlmühle seines Vaters in Stühlenfeld gearbeitet. Danach pachtete er die Calhorner Mühle des Freiherrn von Nagel. Nach und nach verbesserte Wilhelm Hermeling seine Mühle. Doch nach 1930 wurde die Windmühle immer weniger beansprucht, denn mehrere Landwirte hatten sich Elektromotoren und Schrotmühlen angeschafft.

Noch einmal erlebte die Mühle während des 2. Weltkrieges und kurz danach einen Höhepunkt, da das Elektrische am Boden lag. Mit der Windmühle wurde wieder allerhand Getreide gemahlen. Der Müller Hermeling betrieb, wie früher alle Handwerker, eine Landwirtschaft, die aber meistens von Frau und Kindern bewirtschaftet wurde. Bestimmte Stellungen der Mühlenflügel zeigten eine kleine oder eine längere Ruhepause an. Oder sie zeigten ein frohes Ereignis, zum Beispiel die Geburt eines Kindes, oder ein trauriges Ereignis, einen Todesfall in der Familie des Müllers, an. Zum Pfingstfest eines jeden Jahres wurden die Flügel der Mühle in die Schere gestellt und an beiden Enden der Flügelzur Zierde ein Birkenbäumchen befestigt. 1961 wurden die letzten Windmühlenflügel abgenommen.

Besonderheiten der Mühle

An einer ganz unzugänglichen Stelle in der Mühle findet sich folgende Notiz eines Müllers: Neuen Roggen bekommen, Juni 28 1889 J.B. Moormann, Müller. Anmerkung: Roggen wird normalerweise nicht vor Ende Juli geerntet. Im Jahre 1874 erwarb der Zeller Theodor Anton Olding aus Liener ein Grundstück vom Zeller Hermann Pohlmann am Auener Weg und errichtete darauf ein Einraummüllerhaus.Am 14. August 1885 verunglückte der Zeller Theodor Anton Olding in der Mühle durch einen Sturz aus der Bodenluke, tödlich. Zum Gedenken wurde links der Mühleneinfahrt ein Bildstock aufgestellt, der jedoch 1927 von scheuenden Pferden des Zellers Remmers umgerannt wurde. Daraufhin wurde von der Familie Hermeling am Auener Weg ein neuer Bildstock aufgestellt.Der Fuchs, der außerhalb der Windmühle oben auf dem sogenannten Proahm sitzt, soll Blitz und Feuer sozusagen aus der Mühle hinausleiten. Die Kundschaft des Müllers wurde nach ihrem Kommen bedient; daher auch das Sprichwort: „Wer zuerst (an die Mühle) kommt, mahlt zuerst.“

Mit der Mühlenbestandsaufnahme durch den Landkreis Cloppenburg am 02.07.1985, bei der die Windmühle der Familie Hermeling in Liener als „erhaltenswürdig“ eingestuft worden war, begannen die Sanierungsmaßnahmen. An Gesamtkosten für die Restaurierung wurden mindestens 250 000 DM veranschlagt. Da der Erhalt der Windmühle im Interesse der Allgemeinheit liegt, beschäftigte sich in den folgenden Jahren die Gemeinde Lindern mit der Finanzierung der Mühlenrestauration. 1992 wurden schließlich EG- und Landesmittel in Höhe von 150 000 DM und ein Zuschuß vom Landkreis in Höhe von 90 000 DM bewilligt. Die Restkosten in Höhe von 60 000 DM hatte die Gemeinde Lindern zu tragen. Mit der Einweihung der Windmühle in Liener am 09.Juni 1996 kann die mehr als zweijährige Restauration dieser letzten alten Mühle in der Gemeinde Lindern als abgeschlossen betrachtet werden. Das ganze Dorf Liener hat sich unter tatkräftiger Unterstützung der Mühlenbesitzer Wilhelm und Gerhard Hermeling in den letzten Jahren in mannigfacher Weise an dieser Gemeinschaftsaktion beteiligt. Um Kosten zu sparen, erledigten sie Abrißarbeiten, zogen mehrere Holzböden ein und zimmerten Treppengeländer. Auch viele Maurerarbeiten wurden in Eigenarbeit verrichtet. Die Durchfahrt wurde gepflastert und Sand für den abgetragenen Mühlenberg wurde angefahren. Alle Beteiligten hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen, nämlich den „Erhalt der Windmühle“ in ihrem Dorf.

 

Der Mahllohn

Für seine Tätigkeit bekam der Müller kein Geld, sondern einen Anteil vom Mahlgut, als Matte oder Toll benannt. Es gab auch schon frühzeitig Vorschriften über die Höhe des Mahltolls, die jedoch manchmal umgangen wurden. Da die Anzahl der Mühlen im 18. Jahrhundert sehr begrenzt war, nahm sich mancher Müller die Freiheit, den Tollanteil selbst zu bestimmen und brachte es auf diese Weise zu Wohlstand. In einigen Gegenden gab es sogar den Mattenbecher, den Tollnapp, der aus Kupfer mit einem Messingrand hergestellt war. Ein Mattengefäß gibt es noch in Hermelings Mühle. Es hat weder Griff noch Henkel. Bei der Handhabung hielt der Müller den Daumen in die Innenseite des Tollnapps. Dort, wo der Daumen den Becher innen hielt, konnte kein Kornbzw.Mehl sein. Daraus ergab sich die Redensart: „Der Daumen ist das ehrlichste Glied des Müllers.“Um 1830 wurde eine einheitliche Regelung des Mahllohnes verordnet. Es wurde ein Zwei-Liter-Maß mit drei Toll Randhöhe festgesetzt, welches gefüllteinem Virup Korn (zirka 80 Pfund) als Lohn entnommen werden durfte. Ein Matten entsprach zirka 3 Pfund Mehl.

Ein Zoll (Toll) = 25,4 mm

Die Mühlenversicherung

Alle Windmühlen waren den Naturgewalten, Feuer und Wind besonders stark ausgesetzt. Große Gefahren drohten durch die Herbsstürme, die oft mit Orkanstärke tobten und bei heftigen Gewittern durch Blitzschlag. Nach solch einer Katastrophe stand der Müller meist vor einem wirtschaftlichen Ruin, aus dem er sich nicht mit eigener Kraft befreien konnte. So ließ man die Mühle bei einer Mühlenversicherungs-Gesellschaft versichern. Der Prämiensatz betrug 10 RM für 1000 RM Versicherungssumme und wurde einmal jährlich erhoben. Der Bauwert wurde von erfahrenen Mühlenbauern ermittelt und festgesetzt. Der Wert einer Windmühle bewegte sich 1880 zwischen 9000 und 11000 RM.
 

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